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Leseprobe - Trugschluss (2005)

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Leseprobe - Trugschluss (2005)
Seite 2
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Sie hörte schweigend zu, während er fortfuhr: „Ich will ja gar nicht überheblich sein, verstehen Sie mich nicht falsch, aber denken Sie nur an Einstein. Kommenden März jährt sich sein Geburtstag zum 125. mal. Der Mann hat Theorien entwickelt, die unwahrscheinlicher geklungen haben, als jeder Science-fiction-Roman. Und sie tun dies für manchen noch heute. Wer kann schon begreifen, dass die Zeit in schnell bewegten Systemen langsamer vergeht? Dass die Zeit gedehnt werden kann und Masse den Raum verbiegt?“
Die Besucherin schien von den Ausführungen fasziniert zu sein.
„Okay, Einstein hielt es für unmöglich, dass sich etwas schneller bewegen kann, als das Licht. Denn dann, so die simple Schlussfolgerung, würde ein Objekt fliegen, bevor es gestartet worden wäre. Sprich, einfach ausgedrückt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kämen durcheinander. Vieles fände gleichzeitig statt.“
„Schwer zu verstehen“, räumte die Zuhörerin ein.
„Und doch hat es Einstein in eine Formel gepresst. Die besagt, dass mit Lichtgeschwindigkeit der so genannte Zeitdehnungsfaktor unendlich groß wird. Und wissen Sie, was das bedeutet?“ Willing gab die Antwort selbst: „Die Zeit bleibt stehen.“ Er machte eine Pause, während der auch die Frau schwieg. „Würde man also noch schneller“, fuhr er fort, „müsste man doch in die Vergangenheit gelangen, stimmt’s?“ Wieder hielt er inne, um seine Besucherin zu mustern. „Nach Einstein aber nicht möglich.“ 
„Und daran arbeiten Sie?“ fragte die Frau jetzt ein wenig naiv, wie Willing es empfand. 
„Ich natürlich nicht. Ich versuch’ nichts weiter, als die Schwerkraft zu überlisten, die Gravitation. Aber nicht mit aufwendigen Energiefeldern, sondern mechanisch, mit einem ausgeklügelten System von einfachen Hebelwirkungen. Oder noch vereinfachter ausgedrückt: Mit Gewichtsverschiebungen. Das ist eine rein mechanische Sache. Aber bitte - fragen Sie jetzt nicht weiter. Ich will nicht, dass es gleich tausend Nachahmer gibt, die mir den Erfolg vor der Nase wegschnappen.“
„Sie sagen, es sei auch mit aufwendigen Energiefeldern möglich . . . ?“
„Davon gehe ich aus. Alles besteht aus Energie, überall ist Energie. Ich bin davon überzeugt, dass mit gigantischen elektromagnetischen Energien die Welt zu verändern ist.“ Willing behielt seine Gesprächspartnerin fest im Auge. Irgendwie hatte er ihr Interesse an diesem Thema geweckt. „Die Atmosphäre, in der wir leben, ist umgeben von solcher Strahlung. Gewitter entstehen durch elektrische Aufladungen. Oder denken Sie an statische Aufladungen, wenn plötzlich an ihren Fingern Funken überspringen. Die Großen dieser Welt“, sinnierte er weiter, „die basteln schon daran, glauben Sie mir. Ein Erstes wird sein, das Wetter zu beeinflussen. Wer das Wetter beherrscht, beherrscht die Welt. Er kann den Feind aushungern oder Wüsten in blühende Landschaften verwandeln. Der nächste Überlebenskampf, das weiß man längst, findet weniger ums Öl, als viel mehr ums Wasser statt.“ Willing wischte sich über die schweißnasse Glatze. Der Raum war eben viel zu heiß. „Glauben Sie etwa auch, die Hitze im vergangenen Sommer sei Zufall gewesen? Brütende Hitze über ganz Mitteleuropa, Hitze wie noch nie! Ich wette mit Ihnen um den Erfolg meiner Maschine - im Sommer 2004 wird das Gegenteil getestet: Ungewöhnlich Kälte, Regen, geradezu winterliches Wetter. Alle werden jammern, es habe seit Menschengedenken keinen so verregneten Sommer mehr gegeben.“